Stilkunde Orientalischer Tanz

Stilkunde des Orientalischen Tanzs

Bluete_2Der Orientalische Tanz zeichnet sich durch seine große Vielfältigkeit aus. Neben den unterschiedlichen Folkloretänzen teilt man den klassischen Bauchtanz in drei grobe Richtungen ein, den ägyptischen Stil, den libanesischen Stil und den türkischen Stil. Auf den folgenden Seiten finden Sie kurze Charakteristiken der verschiedenen Tanzstile.

Ägyptischer Stil - Raks Sharki

Der Raks Sharki in der Form wie wir ihn heute kennen entstand in Ägypten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (siehe ägyptische Tänze, Raks Sharki) und ist der typische weibliche Solotanz des Orients, den wir im Westen unter dem Begriff „Bauchtanz“ kennen.
Da das Land am Nil als das Ursprungsland des Sharki gilt, ist es auch der ägyptische Stil, der den orientalischen Tanz am stärksten repräsentiert. Die technische Basis des Tanzes liefert der Raks Baladi (siehe ägyptische Tänze, Baladi), der mit Elementen des Balletts und anderer orientalischer Tanzformen vermischt wurde und so zu der Bühnentanzform wurde, die wir heute kennen. Typisch für den Sharki ist, dass er im Gegensatz zum komplett improvisierten Baladi entweder auf einer Choreographie fußt, oder zumindest in seinem Aufbau genau durchdacht ist.
Sahira im Kostüm im Stil der 40 er JahreObwohl er im Westen und teilweise auch im Orient als Duett oder in Gruppen aufgeführt wird, muss man den Raks Sharki als Solotanz verstehen, in dem die Tänzerin ihre individuelle Interpretation der Musik und ihre Persönlichkeit ausdrückt. Grundlage der Technik ist die Grundstellung der Tänzerin, sie steht im Plie mit den Füßen innerhalb ihrer Hüfte, der Beckenboden ist geschlossen und der Oberkörper aufgerichtet, der Körperschwerpunkt liegt in ihrem Becken. Basis des Tanzes ist das Prinzip der Isolation, so werden Hüfte, Brustkorb,  Schultern und teilweise auch der Kopf separat voneinander bewegt. Die Arme werden in der Grundform seitlich neben dem Körper angehoben, sie sind dabei nie ganz gestreckt und umrahmen den Körper bei den Tanzbewegungen, es gibt jedoch auch einige wenige separate Tanzbewegungen der Arme wie die Schlangenarme, die Hände untermalen den Tanz in wellenförmigen Bewegungen. Die Hüfte wird je nach musikalischer Vorgabe geschoben, in weichen Kreis- und Achterbewegungen oder in akzentuierten Wippen, Kicks, Kipp- und Twistbewegungen oder in Kombinationen dieser Bewegungen eingesetzt. Dazu kommen die Beckenwelle und die im klassisch ägyptischen Tanz eher weniger verbreitete Oberkörperwelle. Ein besonderes Merkmal des Raks Sharki und der orientalischen Tänze im Allgemeinen ist zudem der Hüftshimmy, eine schnelle Vibrationsbewegung des Beckens. Mit den Schultern werden isolierte Kicks und wechselseitige Twistbewegungen ausgeführt. Die schnellen kleinen Schultershimmys sind für den ägyptischen Stil hingegen eher ungewöhnlich und stärker in der türkischen Männerfolklore beheimatet, was jedoch nicht heißt, dass man sie niemals bei einer ägyptischen Tänzerin zu sehen bekommt (siehe Nagua Fouad). Der Brustkorb wird im ägyptischen Tanz selten geschoben oder gekreist, Brustakzente noch oben oder Stauchen nach unten finden sich jedoch oft. Auch sehr typisch für den ägyptischen Stil ist der Einsatz der Bauchmuskulatur, mit der oben genannte Bewegungen noch verstärkt und andere erst möglich werden (Jewel, Baladirolle, Honigtopf usw.), an dieser binnenkörperlichen Arbeit kann man noch gut erkennen, dass die Wurzeln des Raks Sharki im Raks Baladi liegen. Obwohl der Sharki zu den nicht sehr raumgreifenden Tänzen gehört, sind Arabesquen und Drehungen ebenfalls Teil des Tanzes. Zudem werden nahezu alle bisher genannten Figuren auch auf Bewegungen im Raum gelegt (Kamelgang, Hüftkreise mit Laufen, Shimmys mit Laufen, Hanan -Schaukel usw.), ob die Tänzerin sich dabei auf dem Ballen oder auf dem flachen Fuß bewegt ist unterschiedlich. Eine Besonderheit des klassischen ägyptischen Stiles ist zudem, dass die Bewegungszentren sehr stark voneinander isoliert sind und es zu den Hüftbewegungen keine Gegenbewegungen im Oberkörper gibt. Natürlich ist der Tanz auch immer stark vom individuellen Stil der Tänzerin beeinflusst, so kann man nur idealtypische Klassifizierungen aufzeigen, von denen es immer wieder Ausnahmen gibt. Hinzu kommt, dass jede bekannte Tänzerin eigene Bewegungsabläufe entwickelt und damit neue Trends setzt. Dementsprechend unterliegt auch der Tanzstil immer zeitgenössischen Einflüssen und entwickelt sich kontinuierlich weiter. Schon in der Zeit als der Raks Sharki noch in den Kinderschuhen steckte, sehen wir starke Unterschiede in den Tanzstilen der großen Stars dieser Ära. Während man in Tahia Cariocas Tanz trotz hoher Schuhe und glitzerndem Kostüm noch sehr stark den Einfluss des Baladi erkennen konnte, tanzte Samia Gamal einen sehr eigenwilligen modernen Stil und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Schleier zum beliebten Requisit einer Tanzroutine wurde. Auch die späteren großen Tänzerinnen zeichnen sich durch sehr unterschiedliche Stile aus, den klassischen ägyptischen Stil verkörpern jedoch am besten Suheir Saki, Mona Said und in jüngster Zeit Fifi Abdou. Auch diese Tänzerinnen entwickelten besondere, für sie typische Bewegungen, sie verließen dabei allerdings nie die Grundlage des klassischen ägyptischen Tanzes.

Ablauf einer Raks Sharki Routine
Eine typische Tanzroutine beginnt mit einem Eingangspart in dem die Tänzerin zu einem treibendem Rhythmus (oft ein Ayoub) die Bühne betritt. Mit raumgreifenden Bewegungen, Drehungen und Arabesquen füllt sie den Raum der Bühne aus. Dieser Part wird sehr oft mit einem Schleier getanzt. Die folgenden Tanzparts sind von Musikstück zu Musikstück sehr unterschiedlich, es gibt jedoch bestimmte Stellen, die fast in jeder Tanzroutine vorkommen. So gibt es oft einen Gesangspart, in dem sich die Tänzerin dem Publikum zuwendet und mit Gesten den Text des Liedes interpretiert oder zumindest dessen Stimmung in ihrem Tanz einfängt. Ebenfalls typisch ist das so genannten Takasim (dies bedeutet Trennung, das Musikstück trennt also die verschiedenen Parts voneinander), das Solo eines Instrumentes, dass meist über den Rhythmus Chiftetelli (im arabischen auch Wahda Saghira genannt) gelegt wird. Es gibt verschiedene Arten des Takasim. Eines wird mit der Nay (ägyptische Rohrflöte), ersatzweise mit einer Geige und manchmal sogar mit dem Synthesizer gespielt. Das Instrument spielt hierbei sehnsuchtsvolle ruhige Variationen und die Tänzerin interpretiert diese am Platz mit weichen binnenkörperlichen Hüftfiguren und oder schlangenhaften Armbewegungen. Im libanesischen oder türkischen Stil kommt an dieser Stelle oft ein Bodenpart, im ägyptischen Stil ist dies hingegen kaum zu sehen. Das zweite Takasim wird traditionell vom Quanut gespielt, einer arabischen Zitter, dementsprechend werden auch hier weiche Bewegungen getanzt, die jedoch mit feinen Vibrationsshimmys unterlegt sind. Die Takasim sind introvertierte Tanzparts, in denen sich die Tänzerin auf sich selbst und die Musik konzentriert. Im Gegensatz dazu gibt es in vielen Tanzroutinen folkloristische Parts, in denen typische Bewegungen besagter Tänze zumindest angedeutet werden (Saidi, Baladi, Khaleegy), wenn zu dieser Folklore ein Requisit gehört, kann es hier auch eingesetzt werden (Baladi oder Saidi- Stock, Zimbeln). Im Tableau, dass fast jede ägyptische Tänzerin der Sharki Routine anschließt, werden zudem Elemente des Baladi aufgegriffen und umgesetzt, oft mit Textinterpretation des gesungene Liedes oder sogar als kleiner Meleya- Sketch, in dem die Tänzerin mit dem Sänger interagiert. Eine orientalische Tänzerin muss also nicht nur die Technik des Raks Sharki beherrschen, sondern auch ein Grundrepertoire an Folkloretänzen kennen. Als Höhepunkt einer Bühnenshow gilt das Trommelsolo, hier zeigt die Tänzerin ein Feuerwerk an Shimmys und Akzenten. Im klassischen ägyptischen Stil gibt es hierbei kaum Schrittkombinationen, Drehungen und andere Bewegungen im Raum. Die Tänzerin bleibt relativ zentriert, präsentiert sich dem Publikum aber von verschiedenen Seiten und zeigt dabei ihr Können an Shimmyvariationen. Dem Trommelsolo folgt schließlich ein Ausgangspart, der wieder das musikalische Thema des Eingangsparts aufgreift. Zwischen diesen klar zu benennenden Parts gibt es Musikteile, in denen je nach dem Stück ein Wechselspiel aus Bewegung im Raum mit Hüfttechnik, Drehungen, Akzenten und Sharkitechnik am Platz erfolgt.

Kostüm
Das klassische Raks Sharki Kostüm entwickelte sich in den Zeiten, als auch der Tanz populär wurde. Es lehnte sich an den Vorstellungen an, die man in Hollywood von orientalischen Tänzerinnen hatte, enthält jedoch auch Elemente der Kleidung der traditionellen Unterhaltungskünstlerlinnen wie der Ghawazee. Es besteht aus einem Rock, selten auch aus einer Pumphose, einem Gürtel und einem BH oder Büstier, Oberteil und Gürtel sind hierbei mit Pailletten, Strass und Perlen bestickt. Am Gürtel sind je nach Mode Perlfransen in verschiedenen Längen, am Stück oder in einzelnen Büscheln angebracht. Während lange Zeit ein weiter Rock und lange Perlfransen „in“ waren, zog man in den letzten Jahren enge Stretchkostüme, teilweise komplett ohne Fransen vor. Auch Kostüme im Stil von Abend- oder Cocktailkleidern waren und sind immer noch modern und seit den 90ern trägt man auch Mini. In den Anfangsjahren des Tanzes trugen die Tänzerinnen meist hochhackige Schuhe, später tanzten sie wieder mehrheitlich barfuss. Heute sieht man wieder immer mehr Tänzerinnen, die zumindest für ihren Eingangspart Schuhe tragen. Den Nabel dürfen ägyptische Tänzerinnen seit der Revolution unter Nasser übrigens nicht mehr zeigen, deshalb tragen die Künstlerinnen unter ihren Zweiteilern Bauchnetzte aus hautfarbenem Material, haben Röcke die erst in der Taille enden oder verstecken ihren Nabel unter einem Strassstein.

libanesischer Stil - Raks Sharki Lubnani

Neben Ägypten, dem Land aus dem der klassische „Bauchtanz“ stammt, gibt es im Orient weitere Länder, die einen eigenständigen Sharki- Stil entwickelt haben. Außer der Türkei ist hierbei vor allem der Libanon von Bedeutung.

Besonders durch die Pionierarbeit der großen libanesischen Tänzerin Nadia Gamal kam es im Libanon ab den 60ern zu einer tänzerischen Entwicklung, die sich stark vom ägyptischen Stil unterscheidet. Das erste was einem auffällt, wenn man eine libanesische Tänzerin sieht, sind ihre extrem hohen Schuhe, auf denen die Tänzerin offenbar mühelos balanciert. Aber auch in Grundhaltung und Tanztechnik gibt es einige maßgebliche Unterschiede zum ägyptischen Tanz. Die Arme sind weiter nach unten gestreckter und die Hände stark abgewinkelt und die Schultern werden für sehr kräftige Akzente eingesetzt. Die Hüftbewegungen werden meist größer als beim ägyptischen Stil angesetzt und statt einer Isolation zwischen den beiden Körperteilen wird der Oberkörper oft in einer kontrollierten Gegenbewegung zur Hüftarbeit mitgenommen. Alles in allem ist der libanesische Stil sehr spektakulär, da er sich durch raumgreifende Arbeit, viele Drehungen, lange Trommelsoli, und nicht zuletzt durch Akrobatik auszeichnet. So sind Oberkörperrückbeugen oder der so genannte türkisch Drop, bei dem sich die Tänzerin aus dem Stand zwischen die Knie flach auf den Boden wirft, oft Teil der Tanzroutine einer libanesischen Tänzerin. Natürlich kann man auch für den libanesischen Stil keine klaren Regeln festlegen, da jede Tänzerin ihren eigenen Stil entwickelt und tanzt. Momentan ist Amani der größte Tanzstar aus dem Libanon, sie hat eine eigene Tanzkompanie und organisiert ein orientalisches Tanzfestival im Libanon. Sie verfolgt sehr stark einen individuellen Tanzstil und versucht den OT in Richtung Tanztheater weiterzuentwickeln, so gibt es Aufnahmen von ihr, in denen sie eine Braut darstellt, die sich auf ihre Hochzeit freut oder aber im Gegensatz dazu einen Tanz, in dem sie eine vernachlässigte Ehefrau verkörpert. Letzteren Tanz ist auf einer der Video-CD des Ahlan wa Sahlan Festivals in Kairo aus dem Jahr 2000 zu sehen.

moderner ägyptischer Stil

Da jeder lebendige Tanz einer ständigen Weiterentwicklung unterliegt, verändert sich auch der ägyptischen Raks Sharki durch zeitgenössische Einflüsse. Dies war auch in allen vorangegangenen Jahrzehnten so, ab den frühen 90ern finden wir jedoch eine Entwicklung, die sich relativ stark von den bisherigen unterscheidet und deshalb eine eigene Betrachtung verdient hat.

Der moderne ägyptische Stil wurde maßgeblich von einer großen ägyptischen Tänzerin geprägt, man könnte vielleicht sogar sagen begründet, die durch ihren individuellen Stil die Tanzlandschaft veränderte, ihr Name ist Dina und sie erfreut sich auch in der westlichen Tanzszene großer Popularität. Eine weitere Person sollte man im Zusammenhang mit dem modernen ägyptischen Stil ebenfalls noch nennen, Raquia Hassan. Sie war Solistin in der Mahmoud Reda Truppe und wurde später eine der bekanntesten Choreographinnen Ägyptens. Frau Hassan unterrichtet vor allem Nichtorientalinnen und die gut bezahlten ausländischen Tänzerinnen Kairos entstammen fast alle ihrer Schule (früher Samasen, Nour, heute Soraya), sie hat jedoch auch einige erfolgreiche ägyptische Tänzerinnen wie Randa Gamal trainiert. Durch ihren choreographischen Einfluss prägt sie den modernen ägyptischen Stil in Kairo stark mit. Dazu kommt, dass Raquia Hassan dem orientalischen Tanz in Ägypten durch ihr jährlich im Juni veranstaltetes Ahlan wa Sahlan Festival eine große, auch international beachtete Plattform bietet.
Warda im modernen ägyptischen Kostüm

Die Grundhaltung der neuen Technik des modernen ägyptischen  Stils weicht von der klassischen ab und bildet damit die Basis des neuen Tanzstiles. Anstatt wie im klassischen Stil mit gebeugten Knien zu stehen, sind die Beine der Tänzerin gestreckt und stehen enger zusammen, dadurch wirken dieselben Bewegungen anders, die Isolation ist nicht mehr völlig gewahrt, da sich die Hüftbewegung in den Oberkörper fortsetzt (es ist jedoch keine Gegenbewegung wie beim libanesischen Stil). Diese neue Art zu tanzen wurde durch die Mode begünstigt im kurzen Rock zu tanzen, da gestreckte Beine eleganter aussehen als gebeugte. Auch die Shimmys werden mit gestreckten Beinen getanzt, dies ist wesentlich anstrengender als die Urform, sieht jedoch spektakulär aus, da die Vibrationen auch durch den Oberkörper gehen. Dina kreierte darüber hinaus viele Bewegungen, die auch von anderen Tänzerinnen in der einen oder anderen Abwandlung ins Repertoire aufgenommen wurden. Ihre Grundspannung ist beim Tanz wesentlich höher als im klassischen Stil und sie verblüfft immer wieder mit spektakulären Ebenenwechseln in Kombination mit sehr kleinen aber schnellen Akzenten, die oft noch einen Muskelstopp beinhalten. Besonders bekannt ist zudem ihre Tanzstellung, bei der sie ihr Gewicht auf einem Bein hat, das andere ist seitlich abgestreckt und der ganze Körper befindet sich in einer leichten Schieflage nach hinten, mit der unbelasteten Seite tanzt sie nun einen kleine Twistbewegungen, Kreise usw.. Wer dies einmal probiert hat, weiß, dass dieser Dina-Stil sehr große Körperkoordination und Kraft erfordert. Zwei weitere typische Dina- Bewegungen, die oft in den Tanzszenen Ägyptens und auch des Westens aufgenommen wurden, sind hier noch zu nennen, der große Hüftkreis und der abgestoppte Kreuzschritt. Der Hüftkreis wird mit gestreckten Beinen getanzt, oft gestaucht und schließt mit einer Twistbewegung auf einer Seite ab. Der Kreuzschritt wird seitlich mit dem Fuß so abgestoppt, dass ein kleiner Ruck durch den gesamten Körper geht, besonders für Dina ist hierbei, dass sie ihren Oberkörper dabei nach vorne lehnt, weshalb der Eindruck entsteht, dass sie taumelt, man kann sich aber sicher sein, dass sie ihr Gleichgewicht auch zu diesem Zeitpunkt mühelos unter Kontrolle hat. Diese neue Art zu tanzen wirkte sich natürlich stark auf nachfolgende Tänzerinnengenerationen aus und viele Künstlerinnen begannen sich von dieser vom klassischen Stil abweichenden Art inspirieren zu lassen. So kann man zum Beispiel bei der aus Alexandria stammenden Tänzerin Randa, die in den letzten Jahren unter die Top-ten der Kairoer Tänzerinnen aufgestiegen ist, gut die Einflüsse der Tanzbewegungen Dinas erkennen. Das heißt aber nicht, dass diese Tänzerinnen den Tanzstil Dinas kopieren, sie sind dennoch auf dem Weg sich zu eigenständigen tänzerischen Persönlichkeiten zu entwickeln, die dem ägyptischen Stil ihre Interpretation des Tanzes hinzufügen. Allerdings folgen nicht alle Tänzerinnen diesem modernen Tanzstil, so finden wir in den letzten Jahren auch durchaus wieder Ansätze einer Rückbesinnung auf den klassischen Tanzstil. Dandash, eine Künstlerin, die sich wie Randa in den letzten Jahren ihren Platz in der Kairoer Tänzerinnenszene gesichert hat, tanzt wieder den herkömmlichen ägyptischen Stil und feiert damit große Erfolge. Spannend ist es nun also zu beobachten, ob es in der Zukunft wieder vornehmlich zu einer Rückbesinnung auf den klassischen ägyptischen Stil kommt, oder ob beide Tanzformen nebeneinander weiterexistieren und sich der moderne Stil weiterentwickelt. Man kann an dieser Stelle also nur sagen …to be continued …, denn was heute modern ist kann morgen schon wieder ein alter Hut sein.

Türkischer Stil - Göbek dansi

Der türkische Stil unterscheidet sich recht stark von ägyptischen Raks Sharki, er weist jedoch in vielen Punkten eine große Nähe zum libanesischen Stil auf. Die Wurzeln des türkischen Bauchtanzes liegen im Gegensatz zu den arabischen Tanzstilen allerdings stark in der Kultur der türkischen Roma.
Wie die ägyptischen Gawazee, deren ethnische Abkunft von Sinti und Roma jedoch umstritten und eher unwahrscheinlich ist, gab es in der Türkei die Cengis, professionelle öffentlich auftretende Unterhaltungskünstlerinnen, die der Volksgruppe der Roma angehörten. Diese Tänzerinnen prägten die Entwicklung des türkischen Bauchtanzes stark mit und noch bis in die 70er konnte man in den Kaffeehäusern Istanbuls Tänzerinnen aus Sulukule, dem Romaviertel Istanbuls, öffentlich auftreten sehen. Im Zuge der restriktiven Politik der türkischen Regierung gegen diese Volksgruppe wurden diese Kaffeehäuser jedoch geschlossen, womit man den Tänzerinnen die Grundlage ihres Lebensunterhaltes nahm. Die Tanzshows wurden nun in Privathäuser umgelegt, was ihrer Qualität enorm schadete und dazu führte, dass der Tanz zu etwas verruchtem und halbseidenem wurde.[1] Nachdem man gerade Touristen in den 80ern oft Tanzshows präsentierte, die eher an table-dance als an orientalischen Tanz erinnerten, erlebte die Qualität des türkische Bauchtanzes in den letzten Jahren wieder einen Aufschwung. Leider finden sich jedoch wenige Tänzerinnen, die die traditionellen Figuren des türkischen Tanzes umsetzen, viele lehnen sich inzwischen stark am arabischen Tanz an oder eifern sogar deutschen Vorbildern wie Beata und Horacio oder Leyla Jouvana nach.
Warda im türkischen Folklorekostüm

Die Grundlage des traditionellen türkischen Bauchtanzes ist der Chiftetelli, das Wort ist gleichzeitig Bezeichnung für einen Tanz und einen 8/4 Rhythmus (im arabischen Wahda Saghir genannt). Diese volkstümliche Art des Tanzes besteht aus einfachen Schritten, Hüftbewegungen und schnellen Schultershimmys. Ebenfalls wichtig für die Tradition des türkischen Tanzes sind der Karshilama und der Roman. Beide Tänze haben einen ähnlichen 9/8 Rhythmus, Karshilama bedeutet „zueinander“ oder „sich gegenüberstehen“ und ist wie der Chiftetelli ein weit verbreiteter Volkstanz. Der Roman ist, wie der Name schon sagt, ein typischer Tanz der Romabevölkerung. Beide Tänze zeichnen sich durch Sprünge, große Hüftbewegungen, Wippbewegungen, Bodenparts und pantomimischen Darstellungen von Alltagssituationen aus. Zimbeln, Tücher oder Tamburine sind beliebte Accessoires bei diesen Tänzen. Die volkstümlichen Tanzformen folgen in ihrer ursprünglichen Form natürlich keinen Choreographien und sind frei improvisiert. Eine türkische Bauchtanzroutine enthält meist einen Chiftetelli und/oder einen Karshilama -teil. Der türkische Stil ist demnach mehr von Schritten und Sprüngen durchzogen als der ägyptische. Die Beinstellung einer türkischen Tänzerin ist zudem meist weiter als bei einer arabischen. Die Hüftbewegungen werden ähnlich wie beim libanesischen Stil größer und mit einer Gegenbewegung im Oberkörper getanzt. Für den türkischen Bauchtanz sind zudem große, schnelle und durch die Geschwindigkeit recht einfache Hüftbewegungen typisch. Die Bauchmuskulatur wird kaum zur Verstärkung des Tanzes eingesetzt. Die Arme werden, hier sieht man den asiatischen Einschlag, wesentlich stärker, größer und schneller verwendet als beim ägyptischen Stil und auch das asiatische Kopfgleiten sieht man recht oft. Wie der libanesische Tanz ist auch der türkische sehr raumgreifend, temperamentvoll und extrovertiert und enthält akrobatische Einlagen, zudem finden wir im türkischen Bauchtanz fast immer einen Bodenteil und das auch wenn die Tänzerin keine Bühne zur Verfügung hat. Zur Not wird einfach ein Tisch im Restaurant zweckentfremdet. An diesen oft sehr deftigen Bodeneinlagen können wir noch den Einfluss der Roma- Tänze sehen, die einen erdigen etwas derben Charakter hatten. Man darf jedoch nicht vergessen, dass die traditionellen Kostüme des Roma- Tanzes nicht so tiefe Einblicke gewährten wie die heutigen Bauchtanzkostüme, was die Bodenparts eindeutig entschärfte. Eine Besonderheit des türkischen Stiles ist zudem der meisterhafte Einsatz von Fingerzimbeln durch die Tänzerin, eine Tradition, die sowohl aus der türkischen Folklore als auch von den Cengis kommt, die in der Lage sein mussten ihren Tanz selbst musikalisch zu begleiten. Auch das Tamburin ist ein traditionell türkisches Requisit. Schleier und Stock sieht man heute zwar ebenfalls bei türkischen Tänzerinnen, diese Accessoires sind jedoch aus Ägypten bzw. dem Westen übernommen. Dies kann dazu führen, dass der Stock an Musikstellen eingesetzt wird, an die er nach unserer Gewohnheit einfach nicht hingehört, da die Musik weder einen Saidi noch einen Baladi –teil vorgibt. Im Allgemeinen muss man sagen, dass sich im türkischen Tanz zumindest in den Nachtclubs, momentan sehr stark verschiedene Elementen vermischen. Es wird immer öfter arabische Musik genutzt (entweder verändert, sozusagen türkisiert, oder auch im original) und auch die Tanztechnik nähert sich der arabischen, vor allem der libanesischen, an. Die traditionellen türkischen Tänze Chiftetelli und Karshilama werden immer seltener eingeflochten. Dies führt jedoch manchmal zu, für ägyptischen Tanz gewohnte Ohren und Augen, irritierenden Aufführungen. So tanzten die Tänzerinnen, die wir im Orienthouse in Istanbul sahen, technisch recht anspruchsvoll zu arabischer Musik, ließen keine Zitate aus der türkischen Folklore einfließen, zimbelten nicht und zeigten auch keinen Bodenparts. Trotzdem war ihr Tanz nicht wirklich arabisch, was nicht an ihren Bewegungen an Sich lag, sondern an der Art, wie sie die Tanzroutinen einteilten. Sie interpretierten die Musik für mich völlig ungewöhnlich, so machten sie an Stellen an denen die musikalische Vorgabe introvertiert war, teilweise wilde Drehungen und raumgreifende Bewegungen. Dies alles könnte darauf hinweisen, dass sich der türkische Tanz momentan möglicherweise in einem Umbruch befindet, er entfernt sich von seinen Wurzeln, gleicht sich jedoch nicht völlig dem arabischen Tanz an.

Der größte Star des türkischen Tanzes war in den vergangenen Jahrzehnten Nesrin Topkapi, die mittlerweile nicht mehr aktiv ist, aber ein Studio für orientalischen Tanz in Istanbul betreibt. Zurzeit gehört Asena zu den bekanntesten Tänzerinnen der Türkei, sie zeichnet sich jedoch primär durch ihr interessantes Privatleben (Liebeleien mit berühmtem Sänger Ibrahim Tatlises, der sie nach der Trennung anschoss) und nicht durch ihren guten Tanz aus, was jedoch nicht heißen soll, dass sie ihr Fach nicht versteht. Weitere bekannte türkische Tänzerinnen sind Tanyeli oder Birgül, die unter anderem im Orient House in Istanbul auftritt


Kostüm
Das traditionelle Kostüm der türkischen Tänzerinnen, die Chiftetelli oder Karshilama tanzten, bestand entweder aus einer Pumphose und einer Weste oder, in Anlehnung an die Roma, aus einem weiten bunten Rock und einem kurzen boleroartigen Oberteil. Diese Folkoreformen des türkischen Tanzes wurden meist Barfuss aufgeführt. Im Gegensatz dazu wird der türkische Bauchtanz wie auch der libanesische immer mit hohen Schuhen getanzt. Das Kostüm einer türkischen Bauchtänzerin unterscheidet sich prinzipiell nicht grundlegend von dem klassischen Kostüm einer ägyptischen Tänzerin, es besteht aus BH, Gürtel und Rock. In den 80ern fanden sich jedoch oft Kostüme die mehr freiließen als sie verdeckten, und eher der Ausstattung einer brasilianischen Samba-Tänzerin ähnelten, als der einer orientalischen Tänzerin. In den letzten Jahren entwickelte sich dies jedoch wieder zurück und durch Bella, einem hochklassigen türkischen Hersteller von orientalischen Tanzkostümen, sozusagen dem Mercedes der Kostüme, steht die Türkei inzwischen für sehr qualitativ hochwertige, elegante und extravagante Kostüme.

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[1] Siehe Havvas Bericht über ihre Erlebnisse in Sulukule; Havva: Die Tanztradition in der Türkei, Teil 3 aus: Orient Magazin 2005 Nr. 1: S.66f.